Ein Land Niedersachsen gibt es erst seit 1946. Die Geschichte des mit diesem politischen Begriff umschriebenen Raumes ist von den verschiedenen regionalen Faktoren geprägt. Eine einheitliche Entwicklung ließ schon die lockere Stammeskultur der Sachsen nicht zu, jenes erstmals um 150 n. Chr. erwähnten Stammes, der bis in das 7. Jahrhundert hinein seine Herrschaft in Nordwestdeutschland ausdehnte. Der Sturz Heinrichs des Löwen (1180), des gewaltigsten mittelalterlichen Welfenfürsten, der eine königsgleiche Stellung im Norden des Reiches innegehabt hatte, bedeutete zugleich den endgültigen Zerfall eines Stammesherzogtums, dem Heinrich stärkere institutionelle Konturen hatte geben wollen. Nichts deutete seitdem darauf hin, daß sich einmal eine großräumige, geschichtlich wirksame Einheit im deutschen Nordwesten bilden könnte. Erbitterte Auseinandersetzungen, Fehden und Kriege zerrissen das Land, die Friesen hatten seit dem frühen Mittelalter ihre Eigenständigkeit an der Nordseeküste behaupten können, und regionale Sondertraditionen begannen im alten sächsischen Stammesgebiet Gestalt anzunehmen. Osnabrück etwa galt als westfälische Stadt, westfälische und niederländische Einflüsse werden etwa – wovon die Baukunst noch zeugt – im Emsland wirksam.
Daß für den Raum, in dem der Schwerpunkt sächsischer Siedlung lag, die erstmals 1354 überlieferte Bezeichnung Niedersachsen gefunden wurde, ist das beste Beispiel für das Verblassen alter Stammestraditionen. Dafür ist der spätmittelalterliche Umformungsprozeß des Reiches ebenso begründend wie für das Entstehen des späteren Landeswappens, des Sachsenrosses. Durch dynastische Zufälle war die Kurwürde des Sachsenstammes den Askaniern (und später den Wettinern) zugefallen und im Königswahlgesetz von 1356 festgeschrieben worden. Im Protest dagegen beriefen sich die Welfen – verfassungsgeschichtlich folgenlos – auf das Pferd als Symbol eines sächsischen Stammes, der Hengist und Horsa als sagenhafte Ahnväter verehrte, die Welfen versuchten mit heraldischen Mitteln ihren Führungsanspruch gegen die Wettiner deutlich zu machen. Doch von ihrem Scheitern zeugt, daß der Name Sachsen elbaufwärts nach Mitteldeutschland wanderte, daß die Bezeichnung Niedersachsen, bald nach 1500 für einen überterritorialen Reichskreis gewählt, an unserem Raum haften blieb und im 19. Jahrhundert allgemein gebräuchlich wurde.
Abb. 1: Reiterstein aus Hornhausen (7. Jh.)
Abb. 2: Das Pferd tritt in Siegeln der welfischen Herzöge erstmals 1361 auf.
zu den weiteren Gliederungspunkten:
1. Die Landesnatur als geschichtsbildende Kraft
2. Die Friesen
3. Die Sachsen im Frühmittelalter
4. Sachsen und das Reich
5. Territorienbildung
6. Soziale Strukturen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit
7. Die Reformation
8. Entstehung des Absolutismus und Aufstieg Kurhannovers
9. Verfassungskämpfe des 19. Jahrhunderts und der Untergang des Königreichs Hannover
10. Von der Weimarer Republik zur Gegenwart
Literaturhinweise und Abbildungsnachweis