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Erfolgsmodell Niedersachsen – Zukunft und Zusammenhalt

Von Stephan Weil


Land der Vielfalt

Im November dieses Jahres besteht unser Land 70 Jahre. Es war die britische Militärregierung die Niedersachsen insbesondere durch eine Neuschöpfung aus den historischen Kernländern Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und Hannover gründete. Dieser Gründungsakt wurde nicht überall mit Begeisterung gefeiert. Insbesondere in den Landesteilen Braunschweig und Oldenburg gab es erhebliches Misstrauen gegenüber dem neuen Gebilde.

Um hier Akzeptanz zu schaffen, forderten die Briten ein, im neuen Land müsste die „Eigenart" der integrierten Länder „erhalten bleiben". Daher gaben sie dem niedersächsischen Gesetzgeber auf, „die Belange der früheren Länder auf dem Gebiet der Überlieferung, Kultur, Architektur und Geschichte gebührend zu berücksichtigen". Sinngemäß wurde diese Forderung dann auch in die 1951 beschlossene Vorläufige Niedersächsische Verfassung als so genannte „Traditionsklauseln" aufgenommen.

Die Gründungsphase zeigt, dass Niedersachsen von je her viele historische Wurzeln hat und kulturellen Reichtum aufweist. Und das ist nicht verwunderlich, denn Niedersachsen ist ein großes Flächenland. Der Fläche nach ist es größer als Dänemark, die Schweiz oder Belgien. Mit seiner Bevölkerungszahl von rd. acht Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern erreicht es fast die Größenordnung von Österreich oder Schweden.

Reizvolle Landschaften von den Marschen der Nordseeküste bis zu den Mittelgebirgen im Süden mit einer Vielzahl an kulturellen Sehenswürdigkeiten aber auch Städte wie Oldenburg und Osnabrück im Westen, Braunschweig, Salzgitter und Wolfsburg im Osten, Lüneburg im Norden oder Göttingen im Süden und nicht zuletzt Hannover in der Mitte prägen unser Land. Alle diese Mittel- und Großstädte sind mit der umgebenden Region eng verbunden, stehen mit ihr in regem Austausch.

Es sind vor allem die unterschiedlichen Landesteile, die Regionen, die Niedersachsen ausmachen. Niedersachsen ist Vielfalt mit hoher Lebensqualität. Und auch die gesellschaftliche Vielfalt hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind: ein starkes Bundesland in Deutschland und Europa. Ein Land, das sich seiner regionalen Unterschiede und Traditionen bewusst ist, diese pflegt, aber auch untereinander zusammenhält und offen für Neues ist.

Eine Heimat für acht Millionen Menschen

Wenn wir noch einmal auf die Anfänge unseres Landes zurückkommen, dann war Niedersachsen das Land der Flüchtlinge. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren mehr als ein Viertel unserer Bevölkerung Vertriebene. Unter dem Strich mussten 2,5 Millionen Menschen zusätzlich untergebracht und versorgt werden. Das entsprach einem Anteil an der damaligen Gesamtbevölkerung von mehr als 37 Prozent.

Die Aufnahme dieser Neuankömmlinge war unter den seinerzeit herrschenden Bedingungen eine riesige Herausforderung. In vielen zerbombten Städten herrschte ohnehin bereits eklatanter Wohnungsmangel; es fehlte an Nahrung und Arbeit. Und doch ist es gelungen!

Und es gibt weitere Beispiele dafür, dass Niedersachsen schon immer fremden Menschen eine neue Heimat bot, von der Aufnahme von „Gastarbeitern" über die vietnamesischen Boat-People bis zu den Spätaussiedlern aus der früheren Sowjetunion.

Das alles ist Teil unserer Landesgeschichte und viele von uns haben aus ihrer persönlichen Familiengeschichte dafür konkrete Beispiele. Die Integration dieser Zugewanderten ist niemals einfach gewesen, sie ist aber - alles in allem betrachtet - gelungen. Niedersachsen ist über die Jahrzehnte nicht schwächer, sondern stärker geworden, nicht ärmer, sondern wohlhabender.

Heute kommen wieder Menschen aus tiefer Not zu uns. Etwa 100.000 Flüchtlinge sind es, die im vergangenen Jahr zu uns kamen, um Schutz vor Krieg und Verfolgung zu suchen. Heute können wir in Niedersachsen erneut zeigen, dass eine wohlhabende Gesellschaft helfen kann. Dass Staat und Gesellschaft tatkräftig und weitsichtig handeln. Daher danke ich an dieser Stelle den vielen helfenden Händen, die im Rahmen des Bündnisses für Niedersachsen mit anpacken, um diese Herausforderung zu stemmen.

Wahr ist aber auch, dass sich mit der Zuwanderung unsere Gesellschaft verändert hat und weiter verändern wird. Niedersachsen ist heute bunt und vielfältig. Aktuell leben bei uns rund 1,4 Millionen Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte. Von ihnen haben etwa ein Drittel einen ausländischen, aber zwei Drittel bereits den deutschen Pass. Wir reden hier über etwa 18 Prozent unserer Bevölkerung, wir reden aber auch über fast ein Drittel der Kinder unter sechs Jahren. In unseren Kindertagesstätten und unseren Schulen wird jeden Tag deutlich, dass die Zukunft unseres Landes von einer Generation mit sehr unterschiedlichen Wurzeln geprägt sein wird.

Zurecht rückt deswegen die Aufgabe der Integration in den Mittelpunkt des Interesses. Gewiss nicht alle, aber gewiss sehr viele Flüchtlinge werden viele Jahre und vielleicht für immer in Niedersachsen bleiben.

In Niedersachsen gibt es eine große, beeindruckende Bereitschaft, anzupacken. Das Land wird alles daran setzen, damit die Integration gelingt, und ich weiß, dass viele, sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft dabei mitmachen, ob nun im Rahmen des Bündnisses für Niedersachsen oder darüber hinaus. Lassen Sie uns also ebenso realistisch wie beherzt, ebenso pragmatisch wie begeistert heran gehen an diese Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können.

Auf dem Weg an die Spitze

Niedersachsen hat seine Stärken und seine Wandlungsfähigkeit in der Vergangenheit mehrfach bewiesen. Denn die Erfolgsgeschichte Niedersachsens ist untrennbar mit einem permanenten Wandel verbunden. Herausforderungen erkennen, anpacken und meistern, prägt nicht nur das gesellschaftliche Zusammenleben in diesem Land. Auch unsere Wirtschaft hat sich von je her in einem Wandel befunden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Niedersachsen weitgehend ein Agrarstaat mit zerstörten Städten und wenigen schwer beschädigten industriellen Kernen. Das erklärt auch, warum das Wirtschaftswachstum im landwirtschaftlich geprägten Niedersachsen langsamer als im Durchschnitt der Bundesrepublik verlief. Denn 1960 waren noch immer etwa 20 Prozent der Erwerbspersonen in der niedersächsischen Landwirtschaft tätig, im übrigen Bundesgebiet lediglich 14 Prozent.

Niedersachsen ist nicht nur traditionell durch die Landwirtschaft geprägt, auch aktuell ist die Ernährungswirtschaft die zweitwichtigste Branche nach der Automobilindustrie. Niedersachsen ist das Agrarland Nr. 1 mit modernen Produktionsmethoden, die wir mit den Belangen des Umwelt-. Tier- und Verbraucherschutz in Einklang bringen.

Niedersachsen hat sich in vielen Wirtschaftsfeldern auf den Weg an die Spitze gemacht und ist dabei sehr erfolgreich. Denn heute ist Niedersachsen ein hochmodernes Bundesland mit wirtschaftlichen Schwerpunkten in den Branchen Automobilität, Maschinenbau, Ernährung, Energie und Tourismus.

Nur ein Beispiel: Niedersachsen hat eine Schlüsselrolle bei der Energiewende. Wir sind führend bei der installierten Leistung von Windkraft an Land und bei Biogas. Heute stammen bereits mehr als 40 Prozent des in Niedersachsen verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien. Nimmt man den in der Nordsee offshore erzeugten Windstrom hinzu, lag der Anteil erneuerbarer Energien an manchen Tagen bereits bei mehr als 80 Prozent. Niedersachsen ist auf dem Weg zum Energieland Nr. 1!

In der Zukunft werden globale und regionale Trends wie Digitalisierung, Internationalisierung, demografischer Wandel oder Energiewende Niedersachsen massiv prägen - die Welt befindet sich im Wandel und mit ihr Niedersachsen. Wirtschaft 4.0 und Wissensgesellschaft sind nur einige Schlagworte, die diesen Wandel beschreiben. Viele damit verbundene Herausforderungen können wir heute in ihrer Tragweite noch nicht abschätzen, wissen aber, dass sie nur zu bewältigen sein werden, wenn wir möglichst viele gut ausgebildete Menschen bei uns halten können. Deswegen stehen in unserem Land Bildung und Qualifizierung junger Menschen im Vordergrund.

Schon heute führt der demographische und strukturelle Wandel im ländlichen Raum zu schleichenden Entwicklungen: Mal ist es ein Nahversorger, der aufgibt, mal eine Arztpraxis, für die sich kein Nachfolger findet, oder eine Buslinie, deren Angebot eingeschränkt wird. Einzelnes davon ist möglicherweise verschmerzbar - dies gilt zumindest für den automobilen Teil der Bevölkerung. In der Summe und auf lange Sicht werden solche Entwicklungen aber zu grundlegenden Verschlechterungen der Lebens- und Wirtschaftsbedingungen in bestimmten Räumen fernab der Metropolen führen. Die Stärkung des ländlichen Raumes ist deswegen eine weitere Kernaufgabe für die Zukunft. Auch deshalb müssen wir alles daran setzen, dass Niedersachsens Bevölkerung wächst. Nach vielen Jahren des Rückgangs ist dies im letzten Jahr erfreulicherweise wieder gelungen.

Neben zahlenmäßig ablesbaren Veränderungen tritt beim Demografischen Wandel noch ein weiteres Merkmal hinzu: mit der zunehmenden Lebenserwartung und dem Rückgang der Geburtenrate sind wir eine alternde Bevölkerung. Hierauf wird sich etwa die Wirtschaft unseres Landes einstellen müssen. Denn altersgerechte Mobilität, zentrale Einrichtungen im Gesundheitsbereich, Lebensmittelversorgung und Dienstleistungsangebote des täglichen Lebens werden zukünftig eine noch viel größere Bedeutung als heute erlangen.

Im Zentrum Europas

Nach dem Zweiten Weltkrieg durchtrennte der „Eiserne Vorhang" Niedersachsens Verkehrsverbindungen nach Osten. Das im europäischen Kontext betrachtet randständige Gebiet entlang der deutsch-deutschen Grenze wurde buchstäblich zur Problemzone.

Heute ist Niedersachsen kein Grenzland mehr an der Nahtstelle des Kalten Krieges, Niedersachsen liegt im Herzen Europas, in seinem Zentrum. Niedersachsen ist seit der Wiedervereinigung das Land in der Mitte Deutschlands, in der Mitte Europas, die Drehscheibe zwischen Ost und West, Nord und Süd.

Aber nicht nur der Prozess der deutschen Einigung, auch die europäische Einigung insgesamt hat sich für unser Land sehr positiv ausgewirkt. Die Europäische Union endet heute nicht mehr an der niedersächsischen Ostgrenze, sondern geht weit darüber hinaus. Die Situation unseres Landes hat sich durch die europäische Einigung fundamental verändert.

Die Entwicklung der Europäischen Union betrifft Niedersachsen ganz unmittelbar und ist von allergrößter Tragweite für unser Land. Logistik und Handel sind ohne einen EU-Binnenmarkt mit seinen Grundfreiheiten, ohne diese existenziellen Grundbedingungen nicht vorstellbar!

Aber: Die Zustimmung zu einem geeinten Europa und zur Europäischen Union ist keineswegs mehr überall selbstverständlich. Das gilt in vielen europäischen Ländern und leider auch bei uns in Deutschland. Ich betrachte es als Aufgabe aller verantwortungsbewussten politischer Kräfte, sich einem solchen schleichenden Euro-Skeptizismus und einem wachsenden Nationalismus engagiert entgegenzustellen. Wir in Deutschland, wir in Niedersachsen haben allen Grund dazu, für Europa zu werben! Alles andere führt nicht nach vorne, sondern zurück.

Wann in der Geschichte - nicht allein in der kurzen Geschichte des Bundeslandes Niedersachsen, sondern weit darüber hinaus -, wann in der Geschichte hat es über 70 Jahre hinweg Frieden in unserer Heimat gegeben, eine Zeit des persönlichen und der politischen Freiheit, des zunehmenden Wohlstands? Die Antwort lautet: niemals! - Wir verdanken der europäischen Einigung eine historisch einmalige Blütezeit unserer Heimat.

Ausblick

Umbrüche haben Niedersachsen geprägt und es zu dem werden lassen, was es heute ist: Ein schönes, lebens- und liebenswertes Land. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass die Menschen in Niedersachsen überdurchschnittlich zufrieden mit ihrem Leben sind. Dafür gibt es Gründe.

Sicher. In der Zukunft wird es nicht an Herausforderungen mangeln. Nach den Erfahrungen der vergangenen sieben Jahrzehnte können wir selbstbewusst und mit Zuversicht an diese Aufgaben gehen. Unser politisches System setzt auf Freiheit, Zusammenhalt und Demokratie. Das sind auch in der Zukunft gute Wegweiser für die Entwicklung unseres Landes..

So bleibt Niedersachsen das was es war und ist - ein Erfolgsprojekt!

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