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Pfad  >  Home  >  Land & Leute  >  Die Geschichte  >  Geschichte des Landes Niedersachsen  >  Die Landesnatur als geschichtsbildende Kraft
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Geschichte des Landes Niedersachsen
Die Landesnatur als geschichtsbildende Kraft
Die Friesen
Die Sachsen im Frühmittelalter
Sachsen und das Reich
Territorienbildung
Soziale Strukturen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit
Die Reformation
Entstehung des Absolutismus und Aufstieg Kurhannovers
Verfassungskämpfe des 19. Jahrhunderts und der Untergang des Königreichs Hannover
Von der Weimarer Republik zur Gegenwart
Literaturhinweise und Abbildungsnachweis
Geschichte - Landesnatur
Die Landesnatur als geschichtsbildende Kraft

Wie jede Landesgeschichte lehrt auch die niedersächsische, wie stark die Natur die Geschichte bestimmt. Schon ein flüchtiger Blick auf die Landkarte zeigt, daß die großen Flüsse an ihrem Unterlauf eher siedlungsabweisend gewirkt haben müssen. In ihren breiten Urstromtälern uferten sie im Mittelalter mäandrierend aus, breite Sumpfniederungen bildend. An der Küste hatten in dieser Zeit noch keine Häfen einem größeren Schiffsverkehr Schutz bieten können, Piraten fanden hier allenfalls ihre Schlupfwinkel, die Küstenschiffahrt war wenig bedeutend. Diese Küste war noch in mittelalterlicher Zeit durch das Meer gestaltet worden. Sturmfluten hatten tiefe Trichter ins Land gerissen. Nach dem Heiligen, an dessen Tage eine solche Flut Land und Menschen Verderben brachte, wurde sie benannt. Noch in späteren Generationen wußte man z. B. von der Marcellusflut, der "großen Manndränke" des Jahres 1362, die allein in der Harlebucht fast 7000 ha Land verschlang. Seit dem 11. Jahrhundert begannen die Menschen, durch Deichbauten sich gegen das Meer zu schützen. Was zunächst nur im lokalen Umkreis, vereinzelt, begonnen worden war, wurde im Hochmittelalter zu einem umfassenden System ausgebaut, von dem im fernen Italien Dante erzählen hörte und die Deiche das Wunder des Nordens nannte. Eine überzeitliche Aufgabe lag an der Küste nicht nur im Schutz des Landes gegen das Wasser, sondern auch in der Wiedergewinnung des Verlorenen. Am Dollart, wo nur eine einzige Sturmflut wie die von 1509 40 Siedlungen ins Meer reißen konnte, gelang es, rund zwei Drittel des im Mittelalter verlorenen Landes zurückzugewinnen.

Ausschnitt aus der Karte Ostfrieslands von Ubbo Emmius

Menschen, die Deiche bauten, in immerwährender Arbeit erweiterten, unterhielten und schützten, mußten – aufeinander im Kampf gegen das Meer angewiesen – unter persönlicher Freiheit den genossenschaftlichen Zusammenschluß suchen. Feudale Herrschaft konnte sich hier nicht wie im Binnenland ausbilden. Das Meer bedingte die Eigenständigkeit der friesischen Sozialverfassung.

In altsächsischer Zeit lebten – so wird geschätzt – etwa drei bis fünf Menschen pro Quadratkilometer im niedersächsischen Raum. Die Natur prägte ihr Leben, bestimmte ihre noch lange im Verborgenen weiterlebende Kultur. Mit steigender Bevölkerungszahl hatten sich die Menschen in immer stärkerem Maße mit der sie umgebenden Natur auseinanderzusetzen, hatten Siedlungskammern zu erweitern. Rodung heißt auch in unserem Raum die Aufgabe, die dem Hochmittelalter etwa ab der Jahrtausendwende gestellt wird. Zahlreiche Ortsnamenendungen auf -rode erinnern ebenso an diesen Vorgang wie die gehäuft auftretenden -hagen-Endungen; hinter diesen verbergen sich Waldhufendörfer, die mit regelmäßig hinter den Höfen aufgeteilter Flur an geplante und gelenkte Rodung, an Binnenkolonisation, erinnern, bei der den Siedlern Freiheitsrechte für die ungeheure Mühsal der Kulturlandgewinnung gewährt wurden. Binnenkolonisation: das hieß Auseinandersetzung mit dem "Unland", dem Ödland, den Sümpfen und Mooren. (Bis heute ist Niedersachsen das an Mooren reichste Bundesland geblieben.) Holländische Siedler haben im Alten Land, in Kehdingen und Hadeln durch Deichbau und Entwässerung von Sumpfniederungen das "Unland" urbar gemacht. Auch sie, die dem Hollerland den Namen gaben, wurden mit Freiheitsgewährungen ins Land geholt, was im sogenannten Hollergericht in den von ihnen aufgesiedelten Gebieten seinen Ausdruck fand.

So bedeutsam das Hochmittelalter insbesondere als Rodungsepoche für die Ausbreitung der Kulturlandschaft gewesen war, so war doch die Ödlandkultivierung in Niedersachsen eine die Epochen durchziehende Daueraufgabe. Hier mögen die Hinweise auf die Fehnkolonien, deren größte seit 1638 nach holländischem Vorbild bei Papenburg entstand, und auf die Moorkolonisation des Jürgen Christian Findorff († 1792) genügen. Kultivierung des Ödlandes war Notwendigkeit, um Menschen Siedlungs  und Nahrungsmöglichkeiten zu schaffen. In diesem Sinne wurde 1915 die Niedersächsische Landgesellschaft gegründet, der nach dem Zweiten Weltkrieg noch als weitere Aufgabe die Integration vertriebener Bauernfamilien zufiel; in diesem Sinne wurde auch in der Nachkriegszeit der Emslandplan durchgeführt. Das mittelalterliche "Unland" ist im Niedersächsischen bis in die Gegenwart auf 10 Prozent der Gesamtfläche geschrumpft.

Jürgen Christian Findorff (1720–1792).
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