Niedersachen klar Logo

75 Jahre Niedersachsen - ein Überblick

Verordnung Nr. 55 Bildrechte: Historisches Museum Hannover


Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 endeten die Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs in Europa. Die vier alliierten Siegermächte übernahmen die oberste Regierungsgewalt in Deutschland und teilten das Land in Besatzungszonen auf. In allen vier Besatzungszonen kam es in der Folge zur Wiederherstellung deutscher Staaten oder zur Gründung neuer Länder, ohne dass damals schon klar war, wie die künftige politische Ordnung Deutschlands aussehen sollte. In der britischen Besatzungszone wurde nach Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein zum 1. November 1946 das Land „Niedersachsen“ durch die Vereinigung der bis dahin selbstständigen Länder Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Schaumburg-Lippe neu gebildet. Die Menschen in diesem Land sahen sich in den ersten Jahren enormen Herausforderungen gegenüber. Erst in den 1950er-Jahren zeichnete sich eine Normalisierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens und ein wirtschaftlicher Aufschwung ab.


Neuanfang unter britischer Besatzung

Das totalitäre System der nationalsozialistischen Herrschaft hatte auch in Niedersachsen Tod, Leid und Zerstörung gebracht. Nach Schätzungen sind etwa 300.000 Soldaten aus dem niedersächsischen Gebiet im Krieg gestorben oder gelten als vermisst. Vermutlich 15.000 Menschen starben bei Luftangriffen. Von den rund 15.000 Juden, die bis 1933 in Städten und ländlichen Regionen heimisch waren, haben nur wenige den Holocaust überlebt.
Flüchtlingsfamilie Bildrechte: HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum
Flüchtlingsfamilie

Nach der militärischen Niederlage mangelte es der Bevölkerung vor allem an Wohnraum und Heizmitteln, die größeren Städte wie Hannover, Braunschweig, Hildesheim, Osnabrück, Emden und Wilhelmshaven waren stark zerstört. Auch die Verkehrsinfrastruktur befand sich in einem verheerenden Zustand. Zwischen 250.000 und 300.000 Displaced Persons, also ehemalige Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Konzentrationslagerhäftlinge, und weitere hunderttausend Evakuierte aus benachbarten deutschen Ballungsgebieten mussten untergebracht und versorgt werden, bevor sie in ihre Herkunftsländer und -regionen zurückkehren oder in andere Länder auswandern konnten.

Bereits in den letzten Kriegsmonaten trafen die ersten Flüchtlinge aus den östlichen Provinzen des preußischen Staates ein. Nachdem die Siegermächte im August 1945 auf der Potsdamer Konferenz beschlossen hatten, die deutsche Bevölkerung aus den zu Polen geschlagenen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie und aus den deutschen Siedlungsgebieten in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa auszuweisen, setzte ein enormer Zustrom in die drei deutschen Westzonen ein. Niedersachsen nahm nach Schleswig-Holstein und vor Bayern – gemessen am Bevölkerungsanteil – die zweitmeisten Flüchtlinge und Vertriebenen, vor allem aus Schlesien, Ostbrandenburg, Ostpommern und Ostpreußen, auf. Mit 1,82 Millionen Menschen im April 1950 machte ihr Anteil 26,4 Prozent der auf fast sieben Millionen Menschen angewachsenen Bevölkerung aus.

Die britische Besatzungsmacht sah ihre Aufgabe vorrangig darin, für das Lebensnotwendige zu sorgen, den Nationalsozialismus und Militarismus zu beseitigen, die Deutschen zu demokratischen Lebensformen umzuerziehen, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten, eine „Verbrüderung“ zwischen britischen Truppen und Deutschen zu verhindern, Wirtschaft, Finanzen, Rundfunk und Presse zu kontrollieren und eine Friedenswirtschaft auf reduziertem Niveau wiederzubeleben.


Zerstörtes Hannover Bildrechte: Historisches Museum Hannover
Zerstörtes Hannover

Dazu wurde die britische Besatzungszone in drei Großbezirke eingeteilt. Das niedersächsische Gebiet wurde der Provinzialmilitärregierung unter Führung des Brigadegenerals Lingham in Hannover unterstellt. In der Besatzungsverwaltung für dieses Gebiet arbeiteten im Herbst 1945 knapp 2.900 Personen. Um die Ordnung im eroberten Gebiet aufrechtzuerhalten, stellten die Briten bereits im April und Mai 1945 die Länder Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe wieder her und setzten Personen, die als Demokraten und Gegner der NS-Ideologie galten, als neue Ministerpräsidenten ein: Theodor Tantzen in Oldenburg, Hubert Schlebusch und nach ihm Alfred Kubel in Braunschweig und Heinrich Bövers in Schaumburg-Lippe. Für die preußische Provinz Hannover ernannte sie Eduard Hagemann zum stellvertretenden Oberpräsidenten, im September 1945 dann Hinrich Wilhelm Kopf zum Oberpräsidenten.

Für die nachgeordnete Verwaltung setzten die Briten ebenfalls auf die vorhandenen Verwaltungsstrukturen auf Bezirks-, Stadt- und Kreisebene. Dabei waren sie auf die Zusammenarbeit und Unterstützung durch eine deutsche Selbst- und Auftragsverwaltung angewiesen. Die Amtsträger in den Städten, Landkreisen und Gemeinden wurden zumeist entfernt und durch neue unbelastete Personen, häufig durch demokratische Politiker aus der Weimarer Zeit, ersetzt. Dem Wiederaufbau des politischen Lebens begegnete die Besatzungsmacht zunächst mit Misstrauen. Allerdings wurden bereits im Herbst 1945 Parteien auf kommunaler Ebene wieder zugelassen.

Gründung des Landes

Beginnender Wiederaufbau in Hannover Bildrechte: Historisches Museum Hannover
Beginnender Wiederaufbau in Hannover

Die offene Frage, in welcher Weise die britische Besatzungszone in deutsche Länder aufzuteilen sei, ließ die Idee eines gemeinsamen Landes Niedersachsen wiederaufleben. Diese war bereits von der am Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Heimatbewegung und in den 1920ern von der Reichsreformbewegung verfochten worden. Im Oberpräsidenten der Provinz Hannover, Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) – unterstützt durch seinen konservativen Gegenspieler Heinrich Hellwege (NLP/DP) – fand nun diese Idee ihren prominentesten Verfechter.

Doch zunächst fassten die Briten im September 1945 für ihre Zwecke die Länder Braunschweig und Oldenburg mit der Provinz Hannover in der „Hanover Region“ zusammen; im Mai 1946 kam auch das zunächst der Region Westfalen angegliederte Schaumburg-Lippe hinzu. Als Pendant auf deutscher Seite verfügte Lingham im Oktober 1945 die Bildung eines „Gebietsrates Hannover – Oldenburg – Braunschweig“, der das Verwaltungshandeln länderübergreifend koordinieren sollte. Nachdem auch Bremen diesem Gebietsrat beigetreten war, wurde er auf Antrag Kopfs in „Gebietsrat Niedersachsen“ umbenannt. Gleichzeitig wurden die Länder Braunschweig und Oldenburg gestärkt, indem dort zu Beginn des Jahres 1946 Landtage ernannt und Regierungen gebildet wurden. In Oldenburg wurde im April 1946 sogar eine eigene Verfassung verabschiedet.

Die Diskussion um die staatliche Neugliederung der britischen Zone führten die Kontrahenten mit allen Mitteln der offenen und verdeckten Einflussnahme. Der oldenburgische Ministerpräsident Theodor Tantzen und sein Braunschweiger Amtskollege Alfred Kubel traten für den Fortbestand und die Vergrößerung der Länder Oldenburg und Braunschweig zulasten Hannovers ein, der hannoversche Oberpräsident Kopf dagegen für die Bildung eines Landes Niedersachsen, weil diese Lösung räumlich, wirtschaftlich und stammesmäßig gut begründet sei und den geschichtlichen Notwendigkeiten gerecht werde.

Überfüllter Bahnhof in Hannover Bildrechte: HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum
Überfüllter Bahnhof in Hannover

Als im Juli 1946 von den Briten beim Zonenbeirat ein Sonderausschuss für die Neugliederungsfrage einberufen wurde, waren bereits wichtige Vorentscheidungen gefallen. Es sollten nicht mehr als fünf Länder eingerichtet werden. Zudem stand die Bildung eines Landes Nordrhein-Westfalen nicht mehr zur Diskussion, da das Ruhrgebiet mit seinen bedeutenden Ressourcen in einem Land zusammengefasst werden sollte. Folglich verordnete die britische Militärregierung am 23. August 1946 die Auflösung aller preußischen Provinzen in der Britischen Zone und die Gründung der Länder Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Auch die preußische Provinz Hannover wurde genau 80 Jahre nach der Annexion durch Preußen wieder zu einem selbstständigen Land erklärt und Kopf zum Ministerpräsidenten ernannt.

Anfang September 1946 nahmen Hamburg und Bremen noch einmal Stellung und erklärten, dass sie ihre wirtschaftliche Kraft nur bewahren könnten, wenn sie ihre Selbständigkeit als Stadtstaaten behielten. Kopfs Vorschlag, der neben Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bremen die Gründung von Niedersachsen und Schleswig-Holstein vorsah, erhielt in der entscheidenden Sitzung des Zonenbeirats am 20. September 1946 eine deutliche Mehrheit.

Nun hatte die britische Regierung zu entscheiden. Sie gab am 23. Oktober im Zonenbeirat bekannt, dass sie Kopfs Vorschlag folgen werde; allerdings blieben beanspruchte westfälische Gebiete unberücksichtigt. Am 8. November 1946 gründete die Militärregierung mit der Verordnung Nr. 55 das Land Niedersachsen mit der Hauptstadt Hannover. Oldenburg und Braunschweig traten als Verwaltungsbezirke neben die hannoverschen Regierungsbezirke Aurich, Hannover, Hildesheim, Lüneburg, Osnabrück und Stade; Schaumburg-Lippe bildete einen Landkreis im Regierungsbezirk Hannover.

Erste Ratssitzung in Hannover nach Kriegsende Bildrechte: HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum
Erste Ratssitzung in Hannover nach Kriegsende mit Hinrich W. Kopf

An die Spitze des ersten niedersächsischen Kabinetts, in dem alle damals bestehenden Parteien vertreten waren, wurde am 23. November 1946 der bisherige Ministerpräsident des Landes Hannovers Kopf berufen. Ein Landtag wurde ernannt und dann im April 1947 erstmals durch ein gewähltes Parlament ersetzt. Mit der Arbeit an einer niedersächsischen Verfassung wurde gewartet, bis am 23. Mai 1949 das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verkündet wurde. In einer Ergänzungsverordnung vom März 1947 hatte die Militärregierung dem niedersächsischen Gesetzgeber geboten, „die Belange der früheren Länder auf dem Gebiet der Überlieferung, Kultur, Architektur und Geschichte gebührend zu berücksichtigen“. Entsprechend wurden die Traditionen und überkommenen Einrichtungen der früheren Länder durch Artikel 56 der am 1. Mai 1951 in Kraft getretenen Vorläufigen Niedersächsischen Verfassung geschützt. Ihr vorläufiger Charakter wurde im Hinblick auf die erwartete Wiedervereinigung Deutschlands betont.

Damit war der letzte Schritt bei der Gründung des Bundeslandes Niedersachsen vollzogen. Zwar hielten sich regionale Eigenständigkeitsbestrebungen vor allem in Oldenburg und Schaumburg-Lippe noch geraume Zeit, doch insgesamt wurde die größere staatliche Einheit von der Bevölkerung rasch akzeptiert.


Fortsetzung folgt ...
Partner/in 75 Jahre Niedersachsen

Werden Sie Partnerin oder Partner des Landesjubiläums von Niedersachsen.

Nutzungsvereinbarung

Hier finden Sie die Vereinbarung über die Nutzung des Logos für den Landesgeburtstag.

 Nutzungsvereinbarung Partnerlogo

zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln