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75 Jahre Niedersachsen - ein Überblick

Verordnung Nr. 55 Bildrechte: Historisches Museum Hannover


Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 endeten die Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs in Europa. Die vier alliierten Siegermächte übernahmen die oberste Regierungsgewalt in Deutschland und teilten das Land in Besatzungszonen auf. In allen vier Besatzungszonen kam es in der Folge zur Wiederherstellung deutscher Staaten oder zur Gründung neuer Länder, ohne dass damals schon klar war, wie die künftige politische Ordnung Deutschlands aussehen sollte. In der britischen Besatzungszone wurde nach Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein zum 1. November 1946 das Land „Niedersachsen“ durch die Vereinigung der bis dahin selbstständigen Länder Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Schaumburg-Lippe neu gebildet. Die Menschen in diesem Land sahen sich in den ersten Jahren enormen Herausforderungen gegenüber. Erst in den 1950er-Jahren zeichnete sich eine Normalisierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens und ein wirtschaftlicher Aufschwung ab.


Neuanfang unter britischer Besatzung

Das totalitäre System der nationalsozialistischen Herrschaft hatte auch in Niedersachsen Tod, Leid und Zerstörung gebracht. Nach Schätzungen sind etwa 300.000 Soldaten aus dem niedersächsischen Gebiet im Krieg gestorben oder gelten als vermisst. Vermutlich 15.000 Menschen starben bei Luftangriffen. Von den rund 15.000 Juden, die bis 1933 in Städten und ländlichen Regionen heimisch waren, haben nur wenige den Holocaust überlebt.
Flüchtlingsfamilie Bildrechte: HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum
Flüchtlingsfamilie

Nach der militärischen Niederlage mangelte es der Bevölkerung vor allem an Wohnraum und Heizmitteln, die größeren Städte wie Hannover, Braunschweig, Hildesheim, Osnabrück, Emden und Wilhelmshaven waren stark zerstört. Auch die Verkehrsinfrastruktur befand sich in einem verheerenden Zustand. Zwischen 250.000 und 300.000 Displaced Persons, also ehemalige Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Konzentrationslagerhäftlinge, und weitere hunderttausend Evakuierte aus benachbarten deutschen Ballungsgebieten mussten untergebracht und versorgt werden, bevor sie in ihre Herkunftsländer und -regionen zurückkehren oder in andere Länder auswandern konnten.

Bereits in den letzten Kriegsmonaten trafen die ersten Flüchtlinge aus den östlichen Provinzen des preußischen Staates ein. Nachdem die Siegermächte im August 1945 auf der Potsdamer Konferenz beschlossen hatten, die deutsche Bevölkerung aus den zu Polen geschlagenen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie und aus den deutschen Siedlungsgebieten in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa auszuweisen, setzte ein enormer Zustrom in die drei deutschen Westzonen ein. Niedersachsen nahm nach Schleswig-Holstein und vor Bayern – gemessen am Bevölkerungsanteil – die zweitmeisten Flüchtlinge und Vertriebenen, vor allem aus Schlesien, Ostbrandenburg, Ostpommern und Ostpreußen, auf. Mit 1,82 Millionen Menschen im April 1950 machte ihr Anteil 26,4 Prozent der auf fast sieben Millionen Menschen angewachsenen Bevölkerung aus.

Die britische Besatzungsmacht sah ihre Aufgabe vorrangig darin, für das Lebensnotwendige zu sorgen, den Nationalsozialismus und Militarismus zu beseitigen, die Deutschen zu demokratischen Lebensformen umzuerziehen, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten, eine „Verbrüderung“ zwischen britischen Truppen und Deutschen zu verhindern, Wirtschaft, Finanzen, Rundfunk und Presse zu kontrollieren und eine Friedenswirtschaft auf reduziertem Niveau wiederzubeleben.


Zerstörtes Hannover Bildrechte: Historisches Museum Hannover
Zerstörtes Hannover

Dazu wurde die britische Besatzungszone in drei Großbezirke eingeteilt. Das niedersächsische Gebiet wurde der Provinzialmilitärregierung unter Führung des Brigadegenerals Lingham in Hannover unterstellt. In der Besatzungsverwaltung für dieses Gebiet arbeiteten im Herbst 1945 knapp 2.900 Personen. Um die Ordnung im eroberten Gebiet aufrechtzuerhalten, stellten die Briten bereits im April und Mai 1945 die Länder Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe wieder her und setzten Personen, die als Demokraten und Gegner der NS-Ideologie galten, als neue Ministerpräsidenten ein: Theodor Tantzen in Oldenburg, Hubert Schlebusch und nach ihm Alfred Kubel in Braunschweig und Heinrich Bövers in Schaumburg-Lippe. Für die preußische Provinz Hannover ernannte sie Eduard Hagemann zum stellvertretenden Oberpräsidenten, im September 1945 dann Hinrich Wilhelm Kopf zum Oberpräsidenten.

Für die nachgeordnete Verwaltung setzten die Briten ebenfalls auf die vorhandenen Verwaltungsstrukturen auf Bezirks-, Stadt- und Kreisebene. Dabei waren sie auf die Zusammenarbeit und Unterstützung durch eine deutsche Selbst- und Auftragsverwaltung angewiesen. Die Amtsträger in den Städten, Landkreisen und Gemeinden wurden zumeist entfernt und durch neue unbelastete Personen, häufig durch demokratische Politiker aus der Weimarer Zeit, ersetzt. Dem Wiederaufbau des politischen Lebens begegnete die Besatzungsmacht zunächst mit Misstrauen. Allerdings wurden bereits im Herbst 1945 Parteien auf kommunaler Ebene wieder zugelassen.

Gründung des Landes

Beginnender Wiederaufbau in Hannover Bildrechte: Historisches Museum Hannover
Beginnender Wiederaufbau in Hannover

Die offene Frage, in welcher Weise die britische Besatzungszone in deutsche Länder aufzuteilen sei, ließ die Idee eines gemeinsamen Landes Niedersachsen wiederaufleben. Diese war bereits von der am Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Heimatbewegung und in den 1920ern von der Reichsreformbewegung verfochten worden. Im Oberpräsidenten der Provinz Hannover, Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) – unterstützt durch seinen konservativen Gegenspieler Heinrich Hellwege (NLP/DP) – fand nun diese Idee ihren prominentesten Verfechter.

Doch zunächst fassten die Briten im September 1945 für ihre Zwecke die Länder Braunschweig und Oldenburg mit der Provinz Hannover in der „Hanover Region“ zusammen; im Mai 1946 kam auch das zunächst der Region Westfalen angegliederte Schaumburg-Lippe hinzu. Als Pendant auf deutscher Seite verfügte Lingham im Oktober 1945 die Bildung eines „Gebietsrates Hannover – Oldenburg – Braunschweig“, der das Verwaltungshandeln länderübergreifend koordinieren sollte. Nachdem auch Bremen diesem Gebietsrat beigetreten war, wurde er auf Antrag Kopfs in „Gebietsrat Niedersachsen“ umbenannt. Gleichzeitig wurden die Länder Braunschweig und Oldenburg gestärkt, indem dort zu Beginn des Jahres 1946 Landtage ernannt und Regierungen gebildet wurden. In Oldenburg wurde im April 1946 sogar eine eigene Verfassung verabschiedet.

Die Diskussion um die staatliche Neugliederung der britischen Zone führten die Kontrahenten mit allen Mitteln der offenen und verdeckten Einflussnahme. Der oldenburgische Ministerpräsident Theodor Tantzen und sein Braunschweiger Amtskollege Alfred Kubel traten für den Fortbestand und die Vergrößerung der Länder Oldenburg und Braunschweig zulasten Hannovers ein, der hannoversche Oberpräsident Kopf dagegen für die Bildung eines Landes Niedersachsen, weil diese Lösung räumlich, wirtschaftlich und stammesmäßig gut begründet sei und den geschichtlichen Notwendigkeiten gerecht werde.

Überfüllter Bahnhof in Hannover Bildrechte: HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum
Überfüllter Bahnhof in Hannover

Als im Juli 1946 von den Briten beim Zonenbeirat ein Sonderausschuss für die Neugliederungsfrage einberufen wurde, waren bereits wichtige Vorentscheidungen gefallen. Es sollten nicht mehr als fünf Länder eingerichtet werden. Zudem stand die Bildung eines Landes Nordrhein-Westfalen nicht mehr zur Diskussion, da das Ruhrgebiet mit seinen bedeutenden Ressourcen in einem Land zusammengefasst werden sollte. Folglich verordnete die britische Militärregierung am 23. August 1946 die Auflösung aller preußischen Provinzen in der Britischen Zone und die Gründung der Länder Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Auch die preußische Provinz Hannover wurde genau 80 Jahre nach der Annexion durch Preußen wieder zu einem selbstständigen Land erklärt und Kopf zum Ministerpräsidenten ernannt.

Anfang September 1946 nahmen Hamburg und Bremen noch einmal Stellung und erklärten, dass sie ihre wirtschaftliche Kraft nur bewahren könnten, wenn sie ihre Selbständigkeit als Stadtstaaten behielten. Kopfs Vorschlag, der neben Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bremen die Gründung von Niedersachsen und Schleswig-Holstein vorsah, erhielt in der entscheidenden Sitzung des Zonenbeirats am 20. September 1946 eine deutliche Mehrheit.

Nun hatte die britische Regierung zu entscheiden. Sie gab am 23. Oktober im Zonenbeirat bekannt, dass sie Kopfs Vorschlag folgen werde; allerdings blieben beanspruchte westfälische Gebiete unberücksichtigt. Am 8. November 1946 gründete die Militärregierung mit der Verordnung Nr. 55 das Land Niedersachsen mit der Hauptstadt Hannover. Oldenburg und Braunschweig traten als Verwaltungsbezirke neben die hannoverschen Regierungsbezirke Aurich, Hannover, Hildesheim, Lüneburg, Osnabrück und Stade; Schaumburg-Lippe bildete einen Landkreis im Regierungsbezirk Hannover.

Erste Ratssitzung in Hannover nach Kriegsende Bildrechte: HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum
Erste Ratssitzung in Hannover nach Kriegsende mit Hinrich W. Kopf

An die Spitze des ersten niedersächsischen Kabinetts, in dem alle damals bestehenden Parteien vertreten waren, wurde am 23. November 1946 der bisherige Ministerpräsident des Landes Hannovers Kopf berufen. Ein Landtag wurde ernannt und dann im April 1947 erstmals durch ein gewähltes Parlament ersetzt. Mit der Arbeit an einer niedersächsischen Verfassung wurde gewartet, bis am 23. Mai 1949 das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verkündet wurde. In einer Ergänzungsverordnung vom März 1947 hatte die Militärregierung dem niedersächsischen Gesetzgeber geboten, „die Belange der früheren Länder auf dem Gebiet der Überlieferung, Kultur, Architektur und Geschichte gebührend zu berücksichtigen“. Entsprechend wurden die Traditionen und überkommenen Einrichtungen der früheren Länder durch Artikel 56 der am 1. Mai 1951 in Kraft getretenen Vorläufigen Niedersächsischen Verfassung geschützt. Ihr vorläufiger Charakter wurde im Hinblick auf die erwartete Wiedervereinigung Deutschlands betont.

Das zunächst als inoffizielles Landeswappen geführte springende weiße Ross im roten Feld, das sogenannte Sachsenross, wurde durch die Verfassung bestätigt. Damit war der letzte Schritt bei der Gründung des Bundeslandes Niedersachsen vollzogen. Jedoch hielten sich in Oldenburg und Schaumburg-Lippe Eigenständigkeitsbestrebungen, die 1975 in beiden Landesteilen zu Volksentscheiden führten. Dabei sprach sich jeweils mehr als das erforderliche Quorum von einem Viertel der Wahlberechtigten für die Wiederherstellung von eigenen Ländern aus. Vor allem die Unzufriedenheit über die niedersächsische Gebietsreform, die bei der Zusammenlegung von Landkreisen wenig Rücksicht auf historische Bezüge nahm, hatte zu diesem Abstimmungsergebnis geführt. Der Bund lehnte jedoch mit Verweis auf die fehlende Größe und Leistungsfähigkeit die Länderneuordnung ab. War bereits die Integration der einst selbstständigen Landesteile eine herausfordernde Aufgabe, so galt das umso mehr für die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen, die mit ihren eigenen kulturellen und konfessionellen Prägungen mehr als ein Viertel der niedersächsischen Bevölkerung stellten.

Entnazifizierung und Aufbau der Demokratie

Noch während des Krieges hatten die Alliierten beschlossen, alle nationalsozialistischen und militärischen Einflüsse in der deutschen Justiz, Verwaltung, Wirtschaft und Kultur zu beseitigen. Diese Politik der Entnazifizierung setzte unmittelbar nach Kriegsende ein, indem die NSDAP und ihre Unter-Organisationen verboten und deren Vermögen eingezogen wurde. Außerdem wurden führende Nationalsozialisten verhaftet und in Lagern interniert, um sie zur Rechenschaft ziehen zu können. In Niedersachsen wurden innerhalb eines Jahres mehr als 70.000 Personen festgenommen und in Internierungslager gebracht. Mit dem ersten Bergen-Belsen-Prozess vor einem britischen Militärgericht in Lüneburg im September 1945 begann in Niedersachsen zudem die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Gleichzeitig konfrontierten die Besatzungsmacht, demokratische politische Kräfte und Opferverbände durch Aktionen, Plakate, Gedenk- und Mahnmale die Bevölkerung mit dem Ausmaß und der Grausamkeit der von deutschen Nationalsozialisten begangenen Verbrechen, um eine Verdrängung zu verhindern und zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Geschehenen aufzufordern.
Obelisk mit Inschriftenwand Bildrechte: NLA

Im Oktober 1945 ordneten die Briten die Errichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Konzentrationslagers Bergen-Belsen an, das britische Truppen am 15. April 1945 befreit hatten. Insgesamt 52 000 Menschen aus vielen Ländern Europas waren dort gewaltsam oder durch mangelnde Versorgung umgekommen oder unmittelbar nach der Befreiung an den Folgen ihrer Haft gestorben. Auch das jüdische Mädchen Anne Frank, später bekannt geworden durch ihr vor der Deportation nach Bergen-Belsen im Amsterdamer Versteck geschriebenes Tagebuch, gehört zu den Opfern des Lagers. Die Gedenkstätte wurde am 30. November 1952 durch den Bundespräsidenten Theodor Heuss offiziell eingeweiht und in die Obhut des Landes übergeben. Sie befindet sich heute in der Trägerschaft der 2004 gegründeten Stiftung niedersächsische Gedenkstätten.

Ein weiteres wichtiges Ziel der Alliierten bestand darin, Personen, die sich zuvor für das NS-Regime engagiert hatten, von wichtigen Positionen in der Gesellschaft und im zukünftigen Staat auszuschließen, was angesichts von rund 8,5 Millionen ehemaliger NSDAP-Parteigenossen und Millionen weiterer Angehöriger von NS-Organisationen eine enorme Herausforderung darstellte. Auch wenn die Alliierten sich 1946 auf fünf Belastungsgruppen verständigt hatten, wurde die Entnazifizierung in den vier Besatzungszonen mit unterschiedlichen Zielen umgesetzt. Die Amerikaner betrieben die Entnazifizierung anfangs sehr konsequent und entließen nicht nur diejenigen, die in der NS-Zeit Schlüsselpositionen bekleidet hatten, sondern alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder. Anders als die Amerikaner räumten die Briten der Effizienz der deutschen Verwaltung und auch der Wirtschaft Vorrang vor umfassenden Entlassungen ein. Sie konzentrierten sich vor allem auf Personen, die öffentliche Ämter oder leitende Positionen in der öffentlichen Verwaltung, in der Justiz, der Wirtschaft und im Bildungswesen innegehabt hatten oder anstrebten. Für einzelne Wirtschaftszweige wie die Landwirtschaft, den Bergbau und den Gesundheitsdienst galten großzügige Ausnahmeregelungen.

Entnazifizierung-Fragebogen Erste Seite des Fragebogens von Willi Harzmanns Bildrechte: NLA

In rund 800.000 Verfahren wurde anfangs unter britischer Federführung, seit 1948 weitgehend in deutscher Verantwortung entschieden, ob eine Person zur Gruppe der Hauptschuldigen, der Belasteten, der Minderbelasteten, der Mitläufer oder der Entlasteten gehörte und welche Sühnemaßnahmen zu verhängen waren. Grundlage des Verfahrens war eine persönliche Selbstauskunft mithilfe eines Fragebogens. Die Befragten mussten darin einen detaillierten Einblick in ihren beruflichen Lebenslauf gewähren und unter anderem ihre Mitgliedschaft in der NSDAP und weiteren NS-Organisationen wahrheitsgetreu angeben. In vielen Fällen versuchten die überprüften Personen, zusätzlich ihre Unschuld durch eidesstattliche Erklärungen von Zeugen beispielsweise von Freunden oder Nachbarn zu belegen. In Anspielung auf die Funktion dieser Leumundszeugnisse bürgerte sich dafür die Bezeichnung „Persilschein“ ein. Fehlurteile, öffentliche Kritik und der Mangel an Fachkräften führten zu immer milderen Urteilen und damit einer weitgehenden Rehabilitierung der Überprüften, was bereits Entlassenen die Wiederbeschäftigung ermöglichte. Nur ein Bruchteil der Überprüften wurde als Hauptschuldige und Belastete eingestuft.

Das ursprüngliche Ziel der Alliierten, ehemalige überzeugte Nationalsozialisten von führenden Positionen in der Gesellschaft fernzuhalten und eine neue Führungsschicht zu etablieren, wurde weniger durch die britische Entnazifizierungspraxis erreicht, als vielmehr durch die Internierungspolitik und die gerichtliche Strafverfolgung. Die pragmatische Vorgehensweise der Briten bei der Entnazifizierung führte häufig zur Rehabilitierung und Integration ehemaliger NS-Anhänger in die Gesellschaft und verhinderte dadurch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung.

Bekanntmachung der britischen Militrregierung zu den Kommunalwahlen Bildrechte: NLA

Zur britischen Besatzungspolitik gehörte auch, demokratische Strukturen und Mentalitäten in einem allmählichen Prozess von der untersten Ebene her und kontrolliert entstehen zu lassen. Die Demokratisierungspolitik erstreckte sich auf die Medien, die Parteien und Gewerkschaften, die kommunale Verwaltung, das Wahlrecht und die Organisation von Wahlen. Die Gründung neuer Parteien ließ die Besatzungsmacht am 15. September 1945 zunächst auf Kreisebene, ab Dezember 1945 dann auch auf Landesebene zu.

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) konnte in Niedersachsen an eine starke Tradition anknüpfen; von seinem Büro in Hannover aus baute Kurt Schumacher die SPD in den westlichen Besatzungszonen wieder auf. Das bürgerliche Lager war indes gespalten. Die konservativ-föderalistischen Kräfte sammelten sich in der Niedersächsischen Landespartei (NLP), die sich seit Juni 1947 Deutsche Partei (DP) nannte. Sie stand in der Tradition der Deutsch-Hannoverschen Bewegung. Ihrem Vorsitzenden Heinrich Hellwege gelang es, von 1955 bis 1959 Hinrich Wilhelm Kopf im Amt des Regierungschefs abzulösen. Auf Dauer konnte sie sich jedoch nicht behaupten und ging 1961 in der Christlich Demokratischen Union (CDU) auf. Die neu gegründete CDU sah sich im bürgerlichen Lager erheblicher Konkurrenz gegenüber. Erst nach der Mitte der fünfziger Jahre wuchs die CDU in die Rolle der stärksten Oppositionspartei hinein, parallel zum Niedergang der DP. Die Freie Demokratische Partei (FDP) versammelte in Niedersachsen die Mitglieder der links- und rechtsliberalen Parteien der Weimarer Zeit und versuchte sich im Lager rechts der CDU zu profilieren. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und die katholisch geprägte Deutsche Zentrumspartei (DZP) blieben unbedeutend und schieden bald aus dem Landtag aus.

Diese sechs Parteien traten an, als die ersten Wahlen in der britischen Zone am15. September 1946 auf Gemeindeebene und am 13. Oktober 1946 auf Landkreisebene stattfanden. Ein Niedersächsischer Landtag wurde erstmals am 20. April 1947 gewählt. Bei einer Wahlbeteiligung von 65 Prozent erhielt die SPD, die Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf, mit 43,4 Prozent die meisten Wählerstimmen.

Zur Landtagswahl 1951 stellte sich die Parteienlandschaft bereits anders dar. Die Aufhebung der Pflicht, sich von der britischen Militärregierung lizensieren zu lassen, hatte zur Gründung einer eigenen Flüchtlingspartei, des Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), geführt. Er gewann bei den Landtagswahlen 1951 auf Anhieb etwa 15 Prozent der Stimmen. Mit dem Wirtschaftswachstum schritt auch die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen voran und der BHE verlor allmählich seine Wählerschaft, bis er 1963 dauerhaft aus dem Landesparlament ausschied. Ein annäherndes Gleichgewicht zwischen den Sozialdemokraten und den bürgerlichen Parteien führte dazu, dass bis 1970 keine Partei über die absolute Mehrheit im Landtag verfügte, die Koalitionsregierungen jedoch meistens von der SPD angeführt wurden.

Die 1949 gegründete, rechtsradikale Sozialistische Reichs-Partei (SRP) erhielt bei den Landtagswahlen von 1951 aus dem Stand 11 Prozent der Stimmen. Auch wenn sie ein Jahr später vom Bundesverfassungsgericht verboten wurde, zeigte sich in ihrem Wahlerfolg, dass in jenen Jahren in Niedersachsen ein starkes Potenzial für rechtsradikale Parteien vorhanden war. Auch der 1950 gegründeten rechtsradikalen Deutschen Reichspartei (DRP) gelang mehrfach der Sprung in den Landtag, bis sie an der erst 1959 eingeführten Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Die 1964 in Hannover gegründete Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) war seit 1967 für eine Wahlperiode im Landtag vertreten. Danach wurde der Rechtsradikalismus in Niedersachsen zu einem Randphänomen.

Neben dem Wiederaufbau eines breiten Parteienspektrums setzte die Besatzungsmacht wichtige Akzente bei der kommunalen Selbstverwaltung. Das Führerprinzip sollte durch ein Prinzip gemeinschaftlicher Verantwortung ersetzt werden. Bereits am 1. April 1946 trat die Verordnung 21, die sogenannte "revidierte Deutsche Gemeindeordnung", in der britischen Besatzungszone in Kraft. Sie legte die gesamte Verwaltung der Gemeinde in die Hand des vom Volk gewählten Rates. Dem ehrenamtlichen Bürgermeister oblag die repräsentative Vertretung der Kommune, während der vom Rat berufene Gemeindedirektor (bzw. Stadt- oder Oberstadtdirektor) hauptamtlich die Verwaltung leitete.

Neun Jahre später löste die eigene "Niedersächsische Gemeindeordnung" die britische Verordnung 21 ab, wobei sie diese in weiten Teilen inhaltlich übernahm und das Nebeneinander von politischer Spitze und Verwaltungsspitze perpetuierte. Als letztes der norddeutschen Länder führte Niedersachsen 1996 die sogenannte eingleisige Kommunalverfassung ein. Seitdem ist der direkt gewählte Bürgermeister oder Landrat auch gleichzeitig der hauptamtliche Leiter der Verwaltung, wodurch die Mitwirkungsrechte der Bürgerinnen und Bürger weiter gestärkt wurden.


Presse und Rundfunk in Niedersachsen

Presse und Rundfunk wurden von der Militärregierung gezielt eingesetzt, um demokratisches Gedankengut in der Bevölkerung zu verankern. Deutsche Verleger benötigten für die Herausgabe einer Zeitung bis zur Gewährung der Pressefreiheit 1949 eine britische Lizenz. Auf diese Weise sollten einerseits belastete Journalisten und Verleger von den Medien ferngehalten werden, andererseits eröffnete die Lizenzpflicht den Briten die Möglichkeit, die lizensierten Zeitungen zu kontrollieren und zu disziplinieren. Zu den ersten zugelassenen deutschen Zeitungen in der britischen Zone gehörten im Januar 1946 die Braunschweiger Zeitung und die Lüneburger Landeszeitung. In Hannover nahm nach der Lizenzierung mehrerer Zeitungen auch das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ unter dem Herausgeber und Chefredakteur Rudolf Augstein seinen Anfang. Von der ersten, am 4. Januar 1947 erschienenen Ausgabe bis zum Umzug nach Hamburg im Jahr 1952 hatte die Spiegel-Redaktion ihren Sitz in dem als Pressehaus genutzten Anzeiger-Hochhaus. Ebenfalls im Anzeiger-Hochhaus erschien am 1. August 1948 die erste Ausgabe der illustrierten Zeitschrift „Stern“ des gebürtigen Ostfriesen Henri Nannen. Verlag und Redaktion siedelten schon bald nach Hamburg über, das sich zum Medienzentrum Norddeutschlands entwickelte.

Noch vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht gründete die britische Militärregierung am 4. Mai 1945 zunächst Radio Hamburg, das am 22. September 1945 als Nordwestdeutscher Rundfunk (NWDR) unter der Leitung von Hugh Carleton Greene gemeinsame Rundfunkanstalt für die gesamte britische Besatzungszone wurde. Das war der Beginn eines vom Staat unabhängigen und von Parteieinflüssen freien Rundfunks in Norddeutschland. Die Briten zogen sich über die Jahre aus der Organisation immer weiter zurück und riefen durch die Verordnung Nr. 118 zum 1. Januar 1948 den NWDR als erste öffentlich-rechtliche Anstalt im Nachkriegsdeutschland ins Leben. Bereits nach wenigen Jahren büßte diese Struktur jedoch ihre Bindungskraft ein. Im November 1953 schuf das Berliner Abgeordnetenhaus mit dem Sender Freies Berlin einen eigenen Sender für West-Berlin. Auch die Düsseldorfer Landesregierung unter Karl Arnold (CDU) brachte im Frühjahr 1954 ein Gesetz über die Gründung eines Westdeutschen Rundfunks auf den Weg. Dem daraufhin im Niedersächsischen Landtag von der CDU gestellten Antrag, zusammen mit Bremen eine eigene Sendeanstalt zu errichten, erteilte die Landesregierung unter Hinrich Wilhelm Kopf eine klare Absage. Zum 1. Februar 1955 gründeten so die Länder Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein auf der Basis eines Staatsvertrages die Dreiländeranstalt des Norddeutschen Rundfunks (NDR) mit Sitz in Hamburg.


Literatur:

Jürgen Borchers u. a., Gründung Niedersachsens. Darstellung und Quellen, Hannover 1986 (auch online)

Dieter Brosius, Niedersachsen. Das Land und seine Geschichte in Bildern, Texten und Dokumenten, Hamburg 2006, 4. Aufl. 2013.

Sabine Graf, Gudrun Fiedler, Michael Hermann (Hrsg.), 75 Jahre Niedersachsen – Einblicke in seine Geschichte anhand von 75 Dokumenten, Hannover 2021.

Carl-Hans Hauptmeyer, Niedersachsen. Landesgeschichte und historische Regionalentwicklung im Überblick, Oldenburg 2004 (auch online)

Dietmar von Reeken, Langgehegter Wunsch oder ungeliebte Entscheidung? Die Gründung des Landes Niedersachsen im Spannungsfeld widerstreitender Interessen, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 153 (2017), S. 47-65.

Gerd Steinwascher in Zusammenarbeit mit Detlef Schmiechen-Ackermann, Karl-Heinz Schneider (Hrsg.), Geschichte Niedersachsens Bd. 5: Von der Weimarer Republik bis zur Wiedervereinigung, Hannover 2010.

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